Meine Heimat

Appreturanstalt


Erst Teichmühle, später Appreturanstalt, dann Bauhoflager, jetzt Grünfläche

Die Teichmühle wurde schon im 18. Jahrhundert erwähnt und gehörte zum Rittergut Obercunewalde mit Vorwerk Mittelcunewalde. Sie war zunächst eine gut ausgestattete Getreidemühle. Das geht aus einer im Jahr 1791 wegen des Todes vom Rittergutsbesitzer Ferdinand Rudolph von Ziegler und Klipphausen durchgeführten Inventur des gesamten herrschaftlichen Besitzes hervor. Über den Müller der damaligen Zeit, der sicherlich ein Pachtmüller gewesen sein mag, ist nichts vermerkt. Ganz sicher ist die Mühle nach Aufhebung der Erbuntertänigkeit, das könnte in den Jahren 1830 bis 1850, möglicherweise aber auch schon früher gewesen sein, von der Herrschaft verkauft worden. Darüber sind keinerlei Urkunden vorhanden. Fest steht aber, dass 1886 durch verschiedene Um- und Ausbauten eine Appreturanstalt eingerichtet wurde, wenngleich der Mahlbetrieb in relativ geringem Umfang weitergeführt worden ist. Was allerdings mögen die Ursachen für diese Umstellung gewesen sein?

Man weiß, dass es im Cunewalder Tal sehr viele Mühlen gab, wohl mehr als nötig. Die Gewerbefreiheit nach 1871 führte dazu, dass ein harter Konkurrenzkampf einsetzte. Jeder Geschäftsinhaber war somit gezwungen, seinen Betrieb rentabel zu halten. Aus diesem Grunde mag der damalige Besitzer der Teichmühle Ernst Schäfer auf den Gedanken gekommen sein, einen Nebenerwerb zu suchen. Durch die sich schnell entwickelten mechanischen Webereien im Cunewalder Tal bot sich die Möglichkeit, einen Betrieb zur Aufbereitung und Verbesserung von textilen Erzeugnissen aufzubauen. Ein Vorbild hierfür mag ihm die Trotzmühle in Niedercunewalde gewesen sein. Nach einem vorliegenden Schreiben an einen Faktor Kubitz, hatte der damalige Trotzmüller Carl Ernst Heinke schon 1868 eine Walke und eine Mangel neben seinem Mühlenbetrieb eingerichtet. Sicherlich aus ähnlichen Gründen, nämlich, dass die Mühle keine Existenzgrundlage mehr bot. Der Aufbau des Betriebes wird sich über Jahre erstreckt haben. Ein größerer Massivbau wurde 1886 errichtet. Das war aus dem Dach erkennbar. Mit dunkleren Dachziegeln war die Jahreszahl 1886 angegeben. Eine Dampfmaschine wird möglicherweise zur gleichen Zeit angeschafft worden sein. Auch das Kesselhaus und der Fabrikschornstein deuten darauf hin. Über die damals üblichen Transmissionen wurden die neu angeschafften Maschinen angetrieben, so u.a. Waschmaschinen, Kastenmangel, Zylindertrockner, Einsprengmaschine, Legemaschine, Imprägnier-Foullard. Ein Teil der Einrichtung stammte noch aus der Gründerzeit und wurde bis in die 1980er Jahre genutzt. Eine große, mit der Hand angetriebene Kastenmangel, war selbst in den 1950er Jahren noch regelmäßig im Gebrauch.

Bis 1945 war die Firmenbezeichnung C. A. Schäfer, Appreturanstalt Cunewalde. Es ist anzunehmen, dass der Begründer des Unternehmens ein Müllermeister gewesen ist, der neben der Mühle auch eine Landwirtschaft betrieb und ein Pferdegespann sowohl für die Mühle, wie auch für die neugegründete Appreturanstalt unterhielt. Auch nach der Verstaatlichung nach 1945 wurde die Landwirtschaft von dem eingesetzten Verwalter Gustav Eger weitergeführt, wohl auch, um das Pferdegespann für den Betrieb zu erhalten. Bis 1945 blieb das Unternehmen in Familienbesitz, es wurde immer vom Vater auf den Sohn vererbt, so auf Ernst Schäfer und dann auf Martin Schäfer, der 1945 als stellvertretender Bürgermeister von Cunewalde auf tragische Weise ums Leben kam. Zu vermerken ist, dass das lange Zeit noch vorhandene Wasserrad der Mühle weiterhin genutzt wurde. Zunächst für den Antrieb der Mühlsteine, für einen Schrotstuhl (Walzenstuhl bis in die 20er Jahre), für ein Sägegatter und für eine Dreschmaschine. In den 1950er Jahren wurde nach und nach auf Elektroantrieb umgestellt.

Eine Vielzahl von Webereien ließen ihre gefertigten Erzeugnisse in der Appreturanstalt veredeln, zum Beispiel die Cunewalder Webereien Wilhelm Kalauch jr., Kloss, Hempel, Grosse, ferner Lange und Hornig Oppach, Decker und Höhne Beiersdorf, Petasch Großpostwitz, Kalauch Großpostwitz, Sebnitzer Webereien, Grahl Wilthen, Kalauch u. Co. Köblitz, Gummiewerke Großröhrsdorf, Weberei Ringenhain und andere. Für die Firma Krause und Sohn Cunewalde wurden sogar Sparterie-Erzeugnisse veredelt, zum Beispiel Geflechte geklebt, getrocknet und calandert. Die Palette der zu veredelnden Gewebe war sehr umfangreich: Segeltuch, Flanell, Inlett, Asbestgewebe, Grobgarngewebe, Schilfleinen, Futterstoffe, Polierscheibengewebe. Eine wichtige Einrichtung für den Veredlungsvorgang war der mit Heißluft aus dem Kesselhaus betriebene Calander. Über die Besitzverhältnisse nach 1945 wäre zu berichten:

1945 bis 1968 VEB Cunewalder Appreturanstalt, danach Betriebsteil des VEB Frottana, ab 1979 Βetriebsteil 3 Werk Oppach Frottana. Im Jahre 1981 wurde die ehemalige Näherei Goldberg von der Wolfsschlucht angegliedert. Betriebsleiter bzw. Betriebsteilleiter in dieser Zeit waren: 1945 bis 1968 Gustav Eger, 1968 bis 1975 Kollege Münzberg, 1975 bis 1988 Günter Eger, 1989 bis zur Schließung Dezember 1990 Frau Karin Büttner mit Rudolf Gebert (technischer Leiter). In den darauf folgenden Jahren setzte eine wechselvolle Geschichte ein. Immer wieder gab es Hoffnung auf etwas Neues.

Beispielsweise Anfang der 1990er Jahre, als ein Investor eine "Residenz am See" errichten wollte. Doch es wurde eine Luftnummer. Danach erwarb Dachdecker Neumann das Anwesen und deckte einen Teil der Gebäude neu. Mit dem Ende seines Unternehmens ging auch seine Zeit in der Appreturanstalt zur Neige. Die Gemeinde Cunewalde übernahm den Komplex, es wurde zum Lager und Ausgangspunkt zahlreicher ABM-Beschäftigter. Das Vorhaben, hier den zentralen Bauhof einzurichten, musste wegen Baufälligkeit der Gebäude und der ungünstigen Lage bei Hochwasser aufgegeben werden. Und damit blieb nur der Abriss der Gebäude im Jahre 2013, gleichbedeutend mit dem Schlussstrich unter die wechselvolle Geschichte der alten Teichmühle und der späteren Appreturanstalt.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Czorneboh-Bieleboh-Zeitung, Helmut Schwer, Torsten Hohlfeld