Meine Heimat

Bergschlösschen


Die Schänke auf dem Weigsdorfer Berg (Bergschlösschen, Volkshaus)

Lange vor der Fertigstellung der Straße um den Weigsdorfer Berg, der heutigen S115, führte seit der deutschen Besiedlung im 12. Jahrhundert der Kirch- und Handelsweg über den langen, steilen Berg in Weigsdorf nach Cunewalde. Auf dessen Gipfel wurde in den 1840er Jahren eine Schänke erbaut. Es ist möglich, dass dieses Schänkengrundstück zum Weigsdorfer Gut gehörte und als Gerichtslokal diente. Am 31. März 1846 wurde die Befugnis zum Schlachten, Backen, Bier- und Brandweinschank sowie zum "Setzen von Gästen" erteilt. Aufzeichnungen über Eigentümer bzw. Wirtsleute aus den ersten Jahren sind leider nicht vorhanden. Erst im Protokollbuch der Freiwilligen Feuerwehr ist zu lesen: Am 11. Juni 1876 wurde in der "Priebschen Schankwirtschaft" in Weigsdorf die Gründungsversammlung der Freiwilligen Feuerwehr von Weigsdorf mit Köblitz abgehalten. Weiterhin ist aus den Protokollen der Freiwilligen Feuerwehr ersichtlich, dass am 21.12.1882 die Weigsdorfer Schänke abgebrannt ist.

In den folgenden Jahren wurde sie jedoch wieder aufgebaut und konnte 1885 als "Bergschlösschen" eingeweiht werden. In den Jahren um 1901 wurde der Saal angebaut. Seit dieser Zeit entwickelte sich im und um das "Bergschlösschen" ein reges Vereinsleben. Der Weigsdorfer Jugend- und Turnverein sowie die Feuerwehr nutzen die Räumlichkeiten und den Festplatz um die noch heute stehenden Linden für ihre Veranstaltungen. Auch die in dieser Zeit errichtete Kegelbahn wurde rege in die Aktivitäten der Vereine einbezogen. In einer Anzeige des Gastwirtes Gruhl aus dem Jahre 1904 war zu lesen: Großes Kamerunfest mit Gesang und musikalischer Unterhaltung und original echter Kamerunbedienung. Die Laienspielgruppe der Turner führte in dieser Zeit unter Leitung von Gustav Kalauch mit großem Erfolg Heimatstücke im "Bergschlösschen" auf. Am 31. August 1920 hat der Kaufmann Otto Herrmann von Max Teich aus Neugersdorf, Humboldtstraße 19, das Grundstück käuflich erworben und an den Gastwirt H.W. Wobst verpachtet. Auch mit dem Theaterspielen wurde im "Bergschlösschen" in dieser Zeit begonnen. Paul Jeremies scharrte junge Leute um sich und führte Stücke wie "Die Schmiede am Wurbisberg" auf. Der Männergesangsverein unter der Leitung von Oberlehrer Wauer und die Kapelle der Feuerwehr Weigsdorf-Köblitz nutzen die Räumlichkeiten des "Bergschlösschens" für ihre Proben und Auftritte. Mit großzügiger Unterstützung des Gastwirtes Wobst feierte die Freiwillige Feuerwehr am 14. und 15. August 1926 ihr 50. Gründungsjubiläum im Festsaal. Ehrengäste waren: Major a.D. von Oppel, Fabrikbesitzer Max Kalauch, Arzt Dr. Teubner, Sägewerksbesitzer Gustav Kießlich mit Sohn Alwin, Oberlehrer Wauer, Kaufmann Seibt und Friedrich Rößler. Am 11. Februar 1928 gab es im "Bergschlösschen" ein großes Schlachtfest, bei dem zwei Schweine zu Wurst, Wellfleisch und anderen deftigen Speisen verarbeitet und verzehrt wurden. Das Glas Bier wurde für 25 Pfennig ausgeschenkt. Ein Adlerschießen für Männer und Sterneschießen für Frauen fand am 10. Juni 1928 auf dem Festplatz statt. Es wurde unter anderem durch Bereitstellung der Armbrust und der Stangen für den Adler und den Stern vom örtlichen Militärverein unterstützt. Auch der hiesige Radfahrverein veranstaltete am 16. Juni am "Bergschlösschen" ein Sommerfest. Im Bericht heißt es: Das Rad zur Radverlosung borgte der Gesellschaftsschub von Weigsdorf-Köblitz.

Nach dem Tod von Gastwirt Wobst im Januar 1929 übernahm seine Frau das "Bergschlösschen" als Wirtin. Im Protokoll über die Versammlung der freiwilligen Feuerwehr vom 21. September 1930 ist zu lesen: Die Herbergsmutter, Frau Wobst, stiftete allen einen Freitrunk. Im Jahr 1931 übernahm Kurt Wegener für die nächsten Jahre die Schankwirtschaft. Zu einem Winterfest am 28. Februar 1931, welches von der Feuerwehr veranstaltet wurde, war ein Eintrittsgeld von 40 Pfennig je Kamerad, 20 Pfennig von deren Frauen und 50 Pfennig von Nichtmitgliedern zu bezahlen. Da aus Mangel an Kohle im Kriegswinter 1940/41 die Schiller-Schule nicht beheizt werden konnte, wurde in dieser Zeit der Unterricht in der Gaststube des "Bergschlösschens" durchgeführt. Aus Platzgründen wurden die Klassen getrennt bestellt. Ein regulärer Unterricht erfolgte nicht. Es wurden im Grunde nur die Hausaufgaben und notwendige Einweisungen erteilt.

Mit Wirkung vom 1. Mai 1942 wurde zwischen Weigsdorf-Köblitz und dem Deutschen Reich, vertreten durch die Marine Intendantur in Kiel, ein Mietvertrag abgeschlossen, in dem unter anderem steht: Die Vermieterin vermietet das "Bergschlösschen" für Wehrmachtszwecke auf unbestimmte Zeit an die Kriegsmarine. Anfang der 40er Jahre wurden bei der Begradigung des Dorfbaches in Niedercunewalde französische Kriegsgefangene eingesetzt. Diese waren im linken Anbau einquartiert. Ebenfalls in den 1940er Jahren war auf dem Saal des "Bergschlösschens" ein Lager für Ostarbeiter (Serben) eingerichtet, welche vorwiegend in der Landwirtschaft zur Fronarbeit eingesetzt waren. Nach Kriegsende wurde der Saal entrümpelt und Betten nebst Matratzen auf der Wiese nebenan verbrannt. Am 1. März 1946 kaufte die Gemeinde Weigsdorf-Köblitz, vertreten durch Bürgermeister Reinhold Kern, stellv. Bürgermeister Paul Thomas und Gemeinderat Paul Jeremies das Schänkengrundstück Weigsdorf Nr. 36 zu einem Kaufpreis von 16.000,00 RM vom Kaufmann Herrmann Teich aus Neugersdorf. Nach diesem Erwerb wurden erste Instandsetzungsarbeiten durchgeführt. Bau- und Möbeltischler Kurt Mauksch führte Reparaturen an Saal-, Gaststuben- und Dachfenstern im Werte von 341,70 RM durch. Lackierermeister Rudolf Hörenz hat im Zeitraum von März bis Mai 1946 umfangreiche Malerarbeiten an Decke und Wänden des Saales durchgeführt und unter anderem 20 Türen, 6 Fenster und 2 Tische gestrichen. Die Gemeinde verpachtete das gesamte Schänkengrundstück wie es steht und liegt mit Wirkung vom 1. April 1946 an den Gastwirt Richard Sroke aus Bischdorf, welcher die Gaststätte bis März 1957 bewirtschaftete. Der Jugendausschuss Weigsdorf-Köblitz (vor Gründung der FDJ) übernahm im September 1946 unter der Leitung des Lehrers Klaus Vorwerk die Renovierungsarbeiten. Beteiligt waren Harry Spiegel, Walter Kutschke, Werner Jeremies und Walter Horn. Wände und Decke mussten abgewaschen und neu gemalt werden. In einem Bericht des Leiters der Weigsdorf-Köblitzer Jugend, Klaus Vorwerk, ist zu lesen: Es wurden 1300 Arbeitsstunden in Form von Aufräum-, Reparatur- und Malerarbeiten zur Ausgestaltung des Gastraumes und des Saales geleistet. Der jährliche Maientanz, welcher nach Demonstrationen und Kundgebungen viele Jahre im "Bergschlösschen" stattgefunden hatte, erfreute sich bei den Bürgern großer Beliebtheit.

Auf Beschluss des Gemeinderates erfolgte im Mai 1950 die Umbenennung in "Volkshaus". Musiker zu Tanzveranstaltungen waren Walter Groer (Akkordeon), Walter Mieth (Geige), Walter Donath (Klavier), Günter Thonig (verschiedene Instrumente) und Günter Ackermann (Akkordeon). Anfang der 1950er Jahre wurden verschiedene bauliche Veränderungen vorgenommen. Die Außenfassade wurde mit neuem Putz versehen. Eine Umfassungsmauer aus Granitpossensteinen wurde errichtet und weitere Baumaßnahmen im Saal und den Nebengebäuden folgten. Am 1. April 1957 wurde die Gaststätte "Volkshaus" von der Gemeinde Weigsdorf-Köblitz zur weiteren Nutzung an die Konsumgenossenschaft Cunewalde, später Löbau, verpachtet. Die Tradition des Laienspiels junger Leute wurde von Heinz Eisert, Walter Hempel, Hilde Hensel, Hilda Höhne und anderen fortgesetzt. Sie machten das "Volkshaus" zu ihrer Proben- und Spielstätte. Die Kleintierzüchter nutzten den Saal auch für ihre Rassegeflügel- und Kaninchenausstellungen. Der von Günter Prietzel am 1. Pfingstfeiertag 1968 durchgeführte Frühschoppen mit böhmischer Blasmusik und tschechischem Bier lockte ebenfalls unwarscheinlich viele Gäste in das "Volkshaus".

Zu Beginn der 1970er Jahre erfolgte mit tatkräftiger Unterstützung der Jugend des Ortes der Anbau eines Jugendclubraumes, welcher von Harry Spiegel projektiert wurde. Zugleich übernahm er die Bauleitung. Danach wurde der Saalumbau realisiert. Hierbei erneuerte Manfred Jeschke die Elektrik nach Feierabend, die Theke sowie die Treppe errichtete Tischler Schirm. Weiterhin wurde eine neue Heizungsanlage in den Anbau installiert. Von der Schiller-Schule wurde der Saal für Schuleintritts- und Jugendweihefeiern genutzt. Die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr führten ihre Jahreshauptversammlungen, Vergnügen und Jubiläumsfeiern durch. Auch das Motorenwerk war bei Brigadevergnügen, dem ÖKULEI und Veranstaltungen mit den kubanischen und vietnamesischen Gastarbeitern im "Volkshaus" zu Gast. In den 1970er Jahren nutzte die Deutsche Reichsbahn das Volkshaus mehrmals als Ferienlager für die Kinder und Mitarbeiter.

Nach der Übernahme der Gaststätte durch Norbert Kriegel fanden verstärkt Jugendtanzveranstaltungen statt, welche regen Zuspruch bei den Jugendlichen aus nah und fern hatten. Dabei kam es leider auch manchmal zu enormen Sachbeschädigungen und Ruhestörungen. Der Pachtvertrag wurde nach der gesellschaftlichen Wende im April 1990 mit sofortiger Wirkung gekündigt. Als Gaststättenleiter waren bis 1990 bei der Konsumgenossenschaft Josef Hille, Erich Menzel, Willi Buns, Günter Prietzel, Rolf Dreßler, Gerald Scholz und Norbert Kriegel angestellt. Nach einem Jahr Leerstand wurde das "Volkshaus" im Jahre 1991 von Enrico Fritsche käuflich erworben und erhielt die alte Bezeichnung "Bergschlösschen" zurück. Nach einigen Erneuerungen im Innenbereich, Küche und Gaststubeneinrichtungen, wurde am 5. März 1992 die Schankerlaubnis erteilt. In der folgenden Zeit wurde die Wohnung über der Gaststube in eine Spielothek umgebaut. Der große Saal wurde zu einer Diskothek. Wegen Misserfolgen wurde das "Bergschlösschen" am 7. November 1995 geschlossen und das Gewerbe von Herrn Fritsche wieder aufgegeben. Die Wiedereröffnung erfolgte am 15. November durch Sandra Fritsche als Schank- und Speisenwirtschaft. Wegen Erfolglosigkeit wurde 
das "Bergschlösschen" aber nach kurzer Zeit wieder geschlossen und es erfolgte 1997 die Zwangsversteigerung.

In der Folgezeit wurde das Grundstück von der Gemeinde Cunewalde ersteigert und an Frau Inge Vögele verkauft. Mit dem Umbau in ein Wohn- und Geschäftshaus im Jahr 2000 durch die neue Besitzerin ging die 160-jährige wechselvolle Geschichte der Schankwirtschaft auf dem Weigsdorfer Berg, des "Bergschlösschen" und des "Volkhauses" zu Ende. 2014 hat die Familie ihre geschäftliche Unternehmung (Verkauf von italienischen Küchen) aufgegeben. Das gesamte Anwesen wurde zum Verkauf angeboten. 2016 kam es letztendlich zum Verkauf an eine junge Familie, welche sich dem Halten sowie der Zucht von Pferden verschrieben hat.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Czorneboh-Bieleboh-Zeitung, Mathias Pech, Torsten Hohlfeld