Meine Heimat

Letzte Windmühle


Die letzte Windmühle in unserem Cunewalder Tal

Im Sommer das Jahres 1931, genau am 8 Juli, fand die letzte Windmühle in Cunewalde, welche dem sogenannten "Windmüller" Friedrich Ernst Thomas auf Obercunewalder Flur gehörte, ein unrühmliches Ende. Ein starker Windstoß bei einem auftretenden Gewitter warf gegen halb 2 Uhr mittags den alten Bau der Mühlenruine unter lautem Krachen mit einem Schlage um. Das Cunewalder Tal hat durch den so plötzlichen Einsturz dieses alten Mühlengebäudes leider eines seiner allerschönsten Wahrzeichen verloren. Ganz gleich, von welcher Richtung man in das Tal kam und von welcher Bergeshöhe man in die Talaue herabschaute, immer ragte die alte Mühle im Oberdorf als markanter Orientierungspunkt auf lichter Höhe in die Dorfheimat. Obwohl infolge der Witterungseinflüsse und aus Mangel an notwendigen Ausbesserungsarbeiten seit Jahrzehnten schon das hölzerne Fachwerk zusehends morscher und auch schadhafter wurde, dominierte das alte Geniste doch bis in allerletzte Zeit hinein ganz Obercunewalde und gab dem östlichen Ausläufer der Talwanne mit dem "Gehege" und des daneben liegenden Schlossparkes als wirkungsvollen Hintergrund, eine prächtige Akzentuierung.

Der letzte Besitzer hatte im Frühjahr bei der Amtshauptmannschaft Löbau um die Erlaubnis zum Abbruch nachgesucht, weil das Betreten des sehr baufälligen Mühlenrumpfes gefährlich wurde. Im Einvernehmen mit Herrn Bürgermeister Löffler wurde versucht, den sächsischen Heimatschutzverein zur Übernahme der alten Windmühle als Schutzobjekt zu veranlassen. Herr Hofrat Professor Oskar Seyffert, als Vorbesitzer des Landesvereins, bedauerte aufrichtig, das ihm gebotene Erbe leider nicht antreten zu können, da für die unbedingt notwendigen Erneuerungsarbeiten, die das alte Bauwerk vor dem vollständigen Verfall geschützt hätten, in unserer geldarmen Zeit leider die Mittel fehlten. Und so verliefen die Bemühungen um die Erhaltung dieses wertvollen Kulturdenkmales erfolglos. Ehe der Besitzer selbst seine Hand zum Abbruch rühren konnte, haben Naturkräfte das altehrwürdige Wahrzeichen von Obercunewalde aus dem Landschaftsbild beseitigt. Aus der Geschichte des Bauwerkes sei noch folgendes vermerkt, was aus den Akten des Grundbuchamtes sowie den Beurkundungen des Besitzers als wertvoll zu entnehmen war:

Die Windmühle hatte ein ungefähres Alter von 100 Jahren erreicht. Wohl in den 1830er Jahren, die genaue Zahl konnte man nicht in Erfahrung bringen, ist die Windmühle von einem gewissen Israel erbaut worden. Sie war eine typische Holländermühle mit einem kreisförmigen, zylindrischen Unterbau und einem Kegeldach. Die Umfassungswände bestanden aus Holzfachwerk mit Lehmschicht und waren mit Brettern verschlagen. Die Flügel waren sogenannte Gitterflügel, deren offenes Holzmaschennetz durch Herausnehmen oder Einsetzen kleiner Brettchen eine größere bzw. kleinere Angriffsfläche für den Wind bot, je nachdem, ob die Luftströmungen eher stark oder nur gering waren. An der dem Wohnhaus zugekehrten Seite rankte sich ein ertragreicher Weinstock an der Holzverschalung empor. Im Schutz des hohen Baues fristete auch ein Bienenhäuschen sein bescheidenes Dasein. Eine photographische Aufnahme aus der Zeit um die Jahrhundertwende mit retuschierten Flügeln zeigt das ganze Anwesen als ein schmuckes Grundstück von überaus malerischem Charakter.

Die Mühle gehörte ehemals zu einer der bestbekannten Getreidemühlen unserer Oberlausitz und konkurrierte jahrzehntelang erfolgreich mit den Wassermühlen im Dorfe. Neben dem Mühlenhandwerk betrieben die jeweiligen Besitzer gleichzeitig eine anfangs gutgehende Bäckerei. Der fortschreitenden Verbesserung im Prozentsatz des Ausmahlens war das alte Mühlwerk nicht gewachsen. Das Mehl wurde später seitens der Abnehmer als "zu schwarz" bezeichnet und eignete sich immer weniger zur Verwendung in der angeschlossenen Brotbäckerei. So machte sich der Bezug fremden Mehles notwendig. Was gleichbedeutend mit einem Rückgang der Rentabilität des Betriebes war. Das Hausieren des Müllers mit einem Brotwägelchen warf auch zu wenig ab, sodass noch vor 1900 der Mahlprozess und die Bäckerei eingestellt wurden. Die alte Mühle ertrug es schwer, kalt gestellt zu werden. Seid ihrer Außerbetriebsetzung begann der eilige Verfall des ganzen Gebäudes. Flügel um Flügel brach ab. Die Bretter wurden mulmig, die lehmgestopften Gefächer lockerten sich und wurden brüchig. Da die Windmühle nur noch als Stroh- und Heuschuppen sowie zur Aufbewahrung einiger Gerätschaften diente, hielt man größere Ausbesserungen nicht für nötig. Auf luftiger Höhe fand der stürmische Westwind seine Freude daran, den immer mehr zur Ruine verfallenen Unterbau zu zerrütteln und zu zerzausen. Eine merkliche Neigung zur Seite ließ sich durch Stützbalken kaum noch aufhalten. Die Umfassungsmauer zeigte infolge des nach außen drückenden Lehmwerkes bereits eine starke Ausbauchung. Das Dach gewährte dem Regen freien Zutritt ins Innere. Es lohnte nicht mehr, die alte Mühle, die ja den Einwohnern schon als flügelloser Holzkoloss in Erinnerung ist, instand zu setzen.

Die Grundstückseigentümer hatten sich längst auf Pachtfeldern des Rittergutes der Landwirtschaft zugewendet. Und so fiel mit dem alten Holzgebäude nicht nur der sichere Lebensunterhalt mehrerer Menschengeschlechter, sondern auch der Zeuge eines aussterbenden Gewerbes: nämlich die letzte Holländermühle in Cunewalde und seiner Umgebung. Über drei Generationen hatte somit die alte Windmühle als Symbol der Obercunewalder Dorfanhöhe gestanden. Die Heimatfreunde müssen ihr Verschwinden als prägnantes Gebäude noch heute lebhaft bedauern. Denn um diesen seltsamen Bau wob sich ein gewisser Zauber ehrwürdiger Vergangenheit. Als lockender Reiz unserer heimischen Landschaft wird die letzte Windmühle allen fehlen, die in ihr mehr sahen als nur ein Holzgeniste.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Kurt Schöne, Torsten Hohlfeld