Meine Heimat

Berg Bieleboh


Der Bieleboh, ein "Weißer Gott" mitten im oberlausitzer Bergland

Sei gegrüßt, Du lieber Berg. Du Freund und Nachbar meines langen Lebens. Mit diesen Worten fängt eines von unzähligen Gedichten an, die für unseren schönen Heimatberg geschrieben wurden. Doch was hat es mit dem Bieleboh und seinem Namen eigentlich auf sich? Was erzählt die interessante, manchmal auch traurige Geschichte über die höchste, südliche Erhebung des Cunewalder Tals. Das und vieles mehr soll nun dem interessierten Heimat- und Wanderfreund aufgezeigt werden.

Der Bieleboh (obersorbisch Bĕłobóh) ist ein Berg im oberlausitzer Bergland. Er ist genau 499m hoch. Auf seinem Gipfel, der in der Gemarkung Beiersdorf liegt, befinden sich die Bielebohbaude und ein Aussichtsturm. Direkt am südlichen Fuße des Berges liegt die Gemeinde Beiersdorf, nördlich davon unser langgestrecktes Heimatdorf Cunewalde. Der Name Bieleboh weist von der Namensbedeutung her Ähnlichkeiten zum benachbarten Berg Czorneboh auf. Bezieht sich letzterer auf den sorbischen Begriff Čorny Bóh (schwarzer Gott), so steht das Biele (běły) hier für weiß. Die Namen legen einen Bezug auf eine vorchristliche sorbische Mythologie nahe, über die es jedoch keine gesicherten Informationen gibt. Helmold von Bosau erwähnte einen Weißen Gott als Gegenpart des Schwarzen Gottes indirekt als "Gott des Glücks". Die mythologische Bezeichnung des Berges tauchte erst in der frühen Neuzeit auf, weswegen die Authentizität strittig ist. Noch 1746 lautete der Name des Berges "Hoher Wald". In den sächsischen Meilenblättern, einem militärischen Kartenwerk von 1780 bis 1806, wurde dieser Berg wie der "Zschernebog" (heute Czorneboh) als "Der Pilobogg" oder "Beyersdorferberg" eingetragen.

Karl Benjamin Preusker zeichnete 1841 eine mit Sagen behaftete Steinformation des Berggipfels, die er als "Bielybog-Altar" bezeichnete. Er vertrat dabei die Ansicht, dass dieser Felsen als uralter, heidnischer Opferaltar diente. Kalendarische Sonnenbeobachtungen fanden hier statt. 1936 wurde der Berg von den Nationalsozialisten im Zuge der Germanisierung sorbischer Flurnamen in "Huhberg" umbenannt. Er bekam seinen Namen jedoch nach 1945 zurück. 
Auch die Bezeichnung "Kaspers Berg", die auf einen Besitzer des Waldes, einen Bauerngutsbesitzer und Fuhrmann in Beiersdorf Bezug nahm, verschwand.

Die Geschichte des Berges und seiner späteren Bauten ist sehr vielschichtig. Damals im Jahr 1830, als der Bieleboh noch ein kahler Berg war, begann sie eigentlich erst richtig. Der Wirt vom Kretscham aus Beiersdorf ließ zunächst Schießfeste auf dem Berg veranstalten. Später stellte er ein Schankzelt auf, um vorbeikommenden Wandersleuten eine bekömmliche Erfrischung anzubieten. Man konnte damit Geld verdienen, was nun weitere Leute auf den Plan ruf. Und so schlossen sich im Jahre 1882 zahlreiche Bürger zum Gebirgsverein "Oberes Spreetal Neusalza" zusammen, um den Berg weiter zu erschließen. Es wurde ein Altar auf dem Berg errichtet, da hier bereits ein Obelisk stand. Dieser wurde aber bald verworfen und ein Aussichtsturm geplant. 1882 begann der Bau des 12m hohen Aussichtsturmes. Auch eine erste Räumlichkeit wurde geschaffen. Kinder der Beiersdorfer Grundschule schleppten Tag um Tag insgesamt 16.000 Ziegel auf den Berg. Der Kostenaufwand für den Aussichtsturm betrug insgesamt 19.000 RM. Diese gewaltige Summe wurde durch Mitglieder der Vereine und eine Hypothek schnell aufgebracht. Er wurde schließlich Anfang 1883 fertiggestellt. Zu Pfingsten, am 6. Mai 1883, wurde festlich die Einweihung von Turm und Bergbaude begangen. Von jetzt an konnte er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Granitwürfel, der 1818 zu Ehren von Friedrich August auf die Spitze des Berges gesetzt wurde und die Inschrift: "Friedrich August, dem Gerechten, dem Vater seines Volkes" trägt, konnte in das Fundament des Turmes integriert werden. Bereits im ersten Jahr gelang es, 428 RM an Eintrittsgeldern für die Turmbesteigung zu verbuchen.

Leider 
brannte am 2. Juli 1910 der Turm infolge eines Blitzschlages bis auf die Grundmauern aus. Der Bieleboh-Verein als Rechtsträger sammelte nun Spenden aus der Bevölkerung und der Landesverein Sächsischer Heimatschutz gestaltete den neuen Entwurf, welcher um 4m höher war und eine Haube besaß. Der anschließende Wiederaufbau war bereits am 25. September desselben Jahres fertig und eine feierliche Weihe erfolgte. Im Jahre 1913 wurde der Aussichtsturm zum ersten Mal elektrisch beleuchtet. Ein Jahr später floss bereits Wasser in die Waschbecken der ebenfalls neu erbauten, gemütlichen Baude. Um einen großen Vereinssaal wurde die Bergwirtschaft noch erweitert. Rings herum standen viele Tische und Stühle. Terrassenartig, es fanden erstaunlich viele Gäste einen Platz. Mittellose Kriegs- und Nachkriegsjahre ließen jedoch kaum Geld für weitere Instandhaltungen. Dennoch war der Bieleboh immer eine gute Adresse für Baudenabende, Weinfeste, traditionelle Konzerte mit Feuerwehrkapellen und andere gesellige Veranstaltungen. Auch Wintersport fand großen Anklang auf dem Berg. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sich so manches geschichtliche Ereignis auf dem Berg vollzog. Ein solches war im November 1948 die Gründung der bekannten Heimatgruppe "Rutkatl", hervorgegangen aus den "Heimat- und Naturfreunden Cunewalde". Am 20. Oktober 1979 fand aus Anlass des 30. Jahrestages der DDR der 1. Bieleboh-Lauf statt. Dieser Lauf sollte Massencharakter tragen und versprach zugleich eine zahlreiche Beteiligung aus allen Bereichen des Leistungs- und Volkssportes. Die Tradition setzte sich alljährlich fort. Der Bieleboh-Lauf findet im Sommer 2019 zum 40. Mal statt. Während der DDR-Zeit diente die beliebte Berggaststätte Bieleboh auch als Betriebsferienheim, darunter für den VEB Textilreinigung Lübbenau, den VEB Plastlüfter und Anlagenbau Dresden sowie den VEB Lausitzer Granit, was die zahlreichen Aufdrucke auf Postkarten oder die verschiedenen Stempel belegen. Ja, der herrliche Bieleboh war immer gut besucht.

Im Jahre 1990 traf dem sehr beliebten Ausflugsziel ein heftiger Schlag, als er plötzlich geschlossen werden musste. Und so blieb auch der Turm ab dem Jahre 1994 wegen Baufälligkeit für Besucher zu. Im Jahre 1996 wurde jedoch ein neuer Besitzer gefunden. Liebevoll wurde das gesamte Areal nach dem Vorbild des ursprünglichen Aussehens umgestaltet. Die beliebte Thekenbeleuchtung aus geschnitzten Figuren erstrahlte wieder in vollem Glanz. In den Jahren von seiner Eröffnung bis zur Wende 1989 wuchs ein hoher Baumbestand heran, der die Aussicht vom Turm teilweise versperrte. Daher traf man bei seiner Restauration 1998 die Entscheidung, eine Aufstockung um weitere 5m vorzunehmen. Mit einer heutigen Gesamthöhe von 21m bietet der Aussichtsturm einen nahezu unendlichen Fernblick. Er ist rund um die Uhr geöffnet. Hinter der Eingangstür hängt eine Kasse des Vertrauens. Ein Schild bittet Besucher, einen Euro pro Person "für die Werterhaltung des Turmes" zu bezahlen. Eine Metalltreppe mit 84 Stufen führt zur überdachten Aussichtsplattform. Dort zeigen vier angebrachte Metallschilder mit Pfeilen und Beschriftung zu den umliegenden Orten und Bergen.

Ebenso wie der gegenüberliegende Czorneboh besaß auch der Bieleboh eine kleine Poststation mit eigenen Poststempeln, welche über die Jahrzehnte immer wieder das Motiv wechselten. Zahlreiche alte und neue Postkarten sowie viele Souvenirs, darunter Stocknägel oder Karten für die Turmbesteigung, sind noch heute bei Sammlern beliebt. Als bekannte Bergwirte gehen in die Geschichte ein: Karl Riebe, Emil Kalauch, Albert Balthasar, Alfred Ueberschaer und Alfred Malke. Anna Starke aus Schönbach ist seit 2016 die aktuelle Bergwirtin. Sie betreibt die gemütlichste Bergwirtschaft im Dreiländereck, wie sie liebevoll in unserer Region beworben wird, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Juan Bächi.

Man kann wohl mit Recht behaupten, vom Bieleboh den schönsten Ausblick auf die Oberlausitz zu haben. Die Blicke schweifen über das im stillen Tal liegende Beiersdorf und darüber hinaus östlich nach dem Rotstein, dem Löbauer Berg, Herrnhut und dem Kottmar. In nördlicher Richtung bietet sich ein herrlicher Panoramablick auf das Cunewalder Tal und die Czornebohkette. In der Ferne grüßen Schneekoppe, Isergebirge, Jeschken, Zittauer Gebirge und vom Westen die Böhmische Bergkette.

Heute ist der Bieleboh natürlich voll erschlossen. Von Beiersdorf führt eine Fahrstraße zum Gipfel. Ein Wanderparkplatz befindet sich 400m zuvor im Sattel zum Kuhberg, dem östlichen Nachbarberg. Auch von Cunewalde, Wurbis oder Oppach führen wunderschöne, beschilderte Wanderwege hinauf zum Berg. Im Restaurant erfreut sich der Wanderer einer rustikalen Gemütlichkeit. In der einladenden Atmosphäre der ländlichen Gaststube fühlt man sich sofort wohl. Im angenehmen Ambiente finden regelmäßig Tanz- und Baudenabende, Familienfeiern, Weihnachtsfeiern, Wandertreffs oder Vereins- und Heimatabende statt. Sehr beliebt sind jedes Jahr die Veranstaltungen zu Pfingsten oder zum Männertag. Wandersleute, Urlauber oder Bewohner der umliegenden Orte werden sich nach dem Aufstieg auf den Berg den letzten Worten des anfangs erwähnten, uralten Gedichtes anschließen: Behüt dich Gott, mein Bieleboh in Not und Stürmen. Mag dich der treue, gute Gott beschirmen.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Bergwirtschaft Bieleboh, Torsten Hohlfeld