Meine Heimat

Fischhandel Israel


Eine Drehscheibe des internationalen Fischhandels in Cunewalde

Wenn wir heute unsere Waren im Internet bestellen und beziehen, dann ist dies schon fast Normalität. Wir müssen aber wissen, dass es lange vor uns Menschen gab, die mit Ideen und Visionen zu neuen Ufern aufgebrochen sind und das Rad der Geschichte mit bewegt haben. Emil Israel war ein solcher, und von neuen Ideen besessen. Am 21.12.1871 in Oberfriedersdorf geboren, verdiente er ab 1899 sein tägliches Brot in der Weberei Hempel zu Cunewalde. So sollte es aber nicht bleiben. Zunächst heiratete er im selben Jahr die Tochter des Müllers Karl Gottlob Hohlfeld aus der "Weißen Mühle". Er erwarb das Grundstück (heute Erlenweg 1) und kaufte später auch die gegenüber liegende Mühle hinzu. Er setzte seine Visionen, künftig mit Süßwasserfischen im großen Stil zu handeln, ab 1920 in die Tat um und begann zunächst mit dem Bau von Hälteranlagen im dortigen Mühlgraben.

Das junge Startup-Unternehmen, so würde man heute sagen, kam schnell in Tritt. Schon 10 Jahre später kaufte Emil Israel zum bereits erworbenen LKW von der Waggonfabrik Wismar insgesamt 6 Spezialwaggons. Diese waren technisch so ausgerüstet, dass über große Wegstrecken und viele Tage hinweg Lebendfische transportiert werden konnten. Jeder Waggon war mit 12 Sauerstoffflaschen und 2 Fischbehältern mit jeweils 6m³ Rauminhalt ausgerüstet. Das mögliche Zuladungsgewicht betrug 15000kg. Zudem waren die Waggons für den mitfahrenden Begleiter mit einer klappbaren Tisch- und Pritscheneinrichtung sowie einen Ofen und einer Propangasflasche für die Beleuchtung ausgestattet. Und so gingen die Waggons Jahr für Jahr mit ihren Begleitern in den Herbst- und Wintermonaten auf große Reise. In den Sommermonaten standen die Waggons größtenteils auf dem Abstellgleis des Cunewalder Bahnhofs. Dringende Reparaturen und Reinigungen wurden hier erledigt. In Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien wurden in großen Mengen Süßwasserfische eingekauft und an Fischgroßhändler in Deutschland, der Niederlande und Belgien verkauft. Das Geschäft florierte, obwohl man oft beim Einkauf der Fische noch nicht wusste, für welche Abnehmer die Ware bestimmt sein sollte. Ein Telefon war seinerzeit die einzige Möglichkeit der schnellen Kommunikation. Emil Israel leitete von Cunewalde aus den Einkauf und die Verteilung der Süßwasserfische erfolgreich. Die Großhandlung von Emil Israel war in Sachsen die größte ihrer Art und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Am 21.06.1942 verstarb Emil Israel und sein ältester Sohn Felix übernahm die Geschäfte.

Nach dem Krieg kamen nur noch 3 Waggons zurück, welche stark beschädigt waren. Im Reichsbahnausbesserungswerk Dresden wurden sie wieder instandgesetzt und der Handel mit Süßwasserfischen konnte bis 1956 fortgeführt werden. Dann mussten die Waggons an die Deutsche Reichsbahn verkauft werden, weil Privatwaggons auf ihrem Schienennetz nicht mehr fahren durften. Es begann mehr und mehr die Zeit, wo jegliche private Unternehmensaktivitäten schrittweise zerschlagen oder verboten wurden. Was der Krieg an Zerstörung nicht schaffte, übernahm jetzt die sozialistische Planwirtschaft. Der Fischgroßhandel durfte nur noch von staatlichen Betrieben und Genossenschaften wahrgenommen werden. 
Felix Israel erkannte die Zeichen der Zeit und konzentrierte sich in seiner Eigenschaft als Kreisfischmeister nur noch auf die privaten Teichwirte in der Umgebung. Er belieferte sie mit Futter- und Düngemittel, Netzen usw. und übernahm im Herbst auch die Fische, welche nach der Halterung an die umliegenden Geschäfte und Gaststätten geliefert wurden. Nach und nach wurde auch dieser Privathandel durch die staatlichen Organe eingeschränkt und der Fischereigenossenschaft Lausitz übertragen. Mit dem noch verbliebenen LKW wurden Transporte durchgeführt, welche von seinem Sohn Gottfried erledigt wurden. Die Auftraggeber waren das Motorenwerk Cunewalde, GHG Großhandel, die Firma Spaterie-Krause und andere Handwerksbetriebe sowie Privatkunden. Am 04.11.1966 verstarb schliesslich auch Felix Israel und eine ganz große Ära namens Cunewalder "Fischgroßhandel Israel" ging zu Ende.

Insgesamt sechs solcher Waggons dienten den "Fischhändlern Israel" bei ihrer Arbeit. Sie waren auf zahlreichen Schienenwegen in ganz Europa unterwegs, um Lebendfische zu transportieren. Neben anderen Seen, Teichen und Gewässern wurde auch der Weigsdorfer Teich bewirtschaftet. Auf dem unteren Foto sehen wir das Abfischen im Jahre 1938.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Czorneboh-Bieleboh-Zeitung, Matthias Hempel, Torsten Hohlfeld