Meine Heimat

Laienspielgruppe


So ein Theather, damals war`s: Die Laienspielgruppe Weigsdorf-Köblitz

Ein genaues Datum zur Gründung der "Laienspielgruppe Weigsdorf-Köblitz" ist nicht bekannt. Fest steht nur, dass sie um 1947 herum erfolgt sein muss. Die Gruppe war bis zum Ende ihres Daseins eine lose Interessengemeinschaft, ohne den Status eines Vereines oder einer anderen Rechtsform. Folgende Gründungsinitiatoren sind überliefert: An erster Stelle sei hier Walter Jeremies zu nennen, seines Zeichens Tischlermeister auf der Reichenstraße. Walter Jeremies war aber fast ausschließlich unter dem Namen "Brenner-Walter" bekannt. Woher diese Namensgebung rührt, kann nicht zuverlässig festgestellt werden. Verschiedentlich wird behauptet, dass das Brennen von Schnaps die Ursache für den Zusatzvornamen sein könnte. Doch lassen wir es dabei bewenden. Walter, eine bekannte Persönlichkeit im Ort, liebte das Leben und die Geselligkeit, und so war er auch den Künsten, insbesondere der Schauspielkunst, sehr zugetan. Als weitere Mitbegründer seien genannt: Walter Hempel, Inhaber der ehemaligen Gärtnerei am Weigsdorfer Gut, Walter Hellner, Maschinenarbeiter im Motorenwerk Cunewalde, wohnhaft in Matschen, Günter Jeremies, Qualitätskontrolleur in der Perfekta-Gießerei Bautzen, wohnhaft an der Rabinke sowie Günter Jeremies, Landwirt aus Matschen.

Eigentlich entwickelte sich das Vorhaben, Köblitz zu einem theatralischen Kulturzentrum werden zu lassen, nach und nach in der "Waldesruh" und im "Bergschlösschen", wo vorgenannte Herren sich trafen und dem Kartenspiel nachgingen. Ob auch die in dieser Zeit aktive Kindertheatergruppe der Schiller-Schule in Köblitz mit Einfluss auf das eigene Vorhaben hatte, kann nur vermutet werden. Das "Volkshaus", bis Mai 1950 "Bergschlösschen", war das Zentrum der Gruppe. Hier wurde geprobt und auch die Premieren wurden hier gefeiert. Vorausgehende und notwendige Lese- bzw. Sprechproben fanden teilweise in den Wohnungen der Mitwirkenden statt. Diese waren oft sehr erheiternd, besonders wenn sie mit ein wenig Alkohol zum Abbau der Hemmnisse angereichert wurden. Es wird berichtet, dass "Brenner-Walter" bei den Proben den Text oft nicht beherrschte. Walter brillierte aber später bei den Aufführungen sehr sicher, wenn auch nicht immer nach Vorgabe des Rollentextes. Seine scheinbare Textsicherheit generierte Walter mit einem Schnäpschen vor Beginn der Aufführung. Auch andere taten es dem Walter nach. Grundsätzlich fand jährlich am Vorabend des 1. Advents im "Volkshaus" die Premiere statt. Die Nachfrage und der Erfolg waren jedes Mal überwältigend, so dass weitere Aufführungen angehängt wurden. Mit einem meist kleinerem Ensemble ging man auch unterjährig in andere Spielstätten und Orte, z.B. in die Blaue Kugel Cunewalde, nach Rascha, Lawalde, Gaußig, Dürrhennersdorf oder Kirschau. Kulissen und Transporte besorgte Gottfried Israel, der Sohn vom Fisch-Israel, mit dem LKW seines Vaters. Auch Walter Hauptmann gab in den ersten Jahren mit seinem LKW Unterstützung beim Transport. Die meisten Stücke entstanden unter der Regie von "Benner-Walter". Zu betonen ist aber, dass alle Ensemblemitglieder bei ihm Gehör fanden und ihren Einfluss geltend machen konnten. Es ging sehr demokratisch zu, auch der Tatsache geschuldet, dass keine Gagen gezahlt wurden und alle die Schauspielkunst zu ihrem Hobby erklärt hatten.

Zwei Stücke seien als besondere Erinnerung genannt: "De Woabergoasse" spielt in der Zeit des Schlesischen Krieges um 1745 und skizziert treffend die damaligen Verhältnisse in der Gesellschaft und der Familie. Das zweite Stück "Anne ale Dummhet" ist ein köstlicher Schwank, vor dem ersten Weltkrieg spielend, ein derbes und herzerfrischendes Sittengemälde. Die Stücke "Koater Lampe", "Is ne oalles Gould woas glänzt", "Dr Keizteif´l" und "Hansjürgen und Christl" seien noch erwähnt. Für die nötigen Bühnenbilder lieferte "Brenner-Walter" die ersten Ideen. Diese wurden dann vom 1. Bühnentechniker Max Bürger, gemeinsam mit Martin Heine, Rudi Mann, Siegmund Janke und Alwin Wobst in die Realität umgesetzt. Gudrun Richter, geb. Jeremies, eine Tochter von "Brenner-Walter" und ausgebildete Handwerksmalerin, bemalte die Kulissen mit geübter Hand anspruchsvoll und naturnah. Die Kostüme stammten zum Großteil aus Altbeständen der einzelnen Ensemblemitglieder. Wenn notwendig, wurden sie entsprechend geändert. Aber auch der Kostümfundus des Bautzener Stadttheaters musste in Anspruch genommen werden. Frisörmeister Heinz Eisert und seine Frau Erna waren als Maskenbildner ein große Unterstützung. Und wie schon ausgeführt, wurden an die Ensemblemitglieder keine Gagen gezahlt. Alle eingenommen Gelder mussten fast ausschließlich zur Deckung der Kosten (Kulissen, Kostüme, Mieten, Transporte usw.) aufgewendet werden. Natürlich wurde ein gewisser Betrag für die Finanzierung interner Feierlichkeiten zurückbehalten und ausgegeben. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Laienspielgruppe keinerlei finanzielle Zuwendungen von der Gemeinde oder anderen Institutionen in den Jahren ihres Bestehens erhalten hat.

Es ist auffallend, dass auch viele Jugendliche der Laienspielgruppe angehörten. Der eigentliche Grund ist die Person Fritz Roy. Er war in den vierziger Jahren Direktor und Lehrer an der Schiller-Schule in Weigsdorf-Köblitz. Fritz Roy war musisch außerordentlich gebildet und hegte, neben dem Spiel auf der Geige, Interessen für allerlei künstlerische Betätigung. Schon 1946 gründete Fritz Roy in der Schiller-Schule eine Kindertheatergruppe. Diese war sehr aktiv. Der endgültige Durchbruch kam dann im Sommer 1948 mit der Aufführung des Märchens "Rübezahls Liesel". Fritz Roy führte Regie und verkörperte gleichzeitig den Rübezahl. Thea Paul (heute Thea Stäbler) spielte, im Alter von sieben Jahren, die Rolle der Liesel. Das Stück fand am und im ehemaligen Steinbruch des Herrnsberges, also auf einer Naturbühne, seine erste Aufführung. Der Erfolg führte letztendlich dazu, dass dem alten Steinbruch der Name "Märchensee" gegeben wurde, zuerst vom Volksmund, heute offizieller Sprachgebrauch. Zur Namensgebung kann auch beigetragen haben, dass "Brenner-Walter" im Steinbruch oftmals mit seiner Frau Liesbeth (Brenner-Liesl) der Freikörperkultur frönte.

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, wurde der Spielbetrieb eingestellt. Die Gründe für die Auflösung der Laienspielgruppe sind genauso vielfältig, wie sie auch normal und unspektakulär sind: Tod, Überalterung, Wegzug, andere Interessen, fehlender Nachwuchs, familiäre Verpflichtungen. Ein wesentlicher Grund sei dennoch hervorgehoben: Mehr und mehr versuchten die übergeordneten gesellschaftlichen und parteilichen Organisationen auf die Auswahl der Theaterstücke Einfluss zu nehmen. Letztendlich mussten die Stücke eingereicht werden und es bedurfte der Freigabe zur Aufführung. So wurde z.B. die Aufführung des Stückes "Das Geheimnis der Unglücksschmiede am Wurbisberg" verboten, weil die Gruppe, insbesondere der Autor des Stückes, Paul Jeremies, nicht gewillt war, die von den Kulturbehörden vorgegebenen Änderungen einzuarbeiten. Es wäre dann nicht die tatsächliche Geschichte oder auch Sage wiedergegeben worden, so die einstimmige Meinung aller Ensemblemitglieder. In diesem Stück ging es um einen Mehrfachmord in der alten Schmiede am Wurbisberg, welche sich rechts oberhalb der Eingangskurve zum Wurbisberg befand. Derartige Zensierungen führten natürlich, neben den oben genannten Gründen, auch zu einer Unlust und Selbstaufgabe. Vielleicht hat aber auch die Zunahme von Fernsehgeräten in den Haushalten zum Sterben der Laienspielgruppe beigetragen. Ihre Geschichte weiterzutragen, sollte Aufgabe aller Heimatfreunde und an der Geschichte interessierter Bürgerinnen und Bürger sein.

Die Laienspielgruppe mitte der sechziger Jahre, beim Stück "Hansjürgen und Christel":
1 Karin Neubert geb. Bürger, 2 Kurt Weber, 3 Hiltrud Langner geb. Richter, 4 Annerose Dornig, 5 Friedkarl Dornig, 6 Thea Stäbler geb. Paul, 7 Hilde Hensel, 8 Walter Hellner, 9 Marina Bochannek geb. Domschke, 10 Else Höhne, 11 Irmgard Berger, 12 Hannes Berger, 13 Rudi Mann, 14 Walter Jeremies (Brenner-Walter), 15 unbekannt, 16 Günter Jeremies, 17 unbekannt, 18 Alwin Wobst, 19 unbekannt, 20 Walter Hempel, 21 Fritz Dornig, 22 Wolfgang Hensel, 23 Kurt Hempel, 24 Siegmund Janke, 25 Karl Thonig. Nicht dabei sind: Siegfried Rausendorf, Klaus Huste, Heinz Eisert, Max Bürger, Anita Hallmich, Inge Dreßler und Margot Hauptmann, unten v.l.n.r. Günter Jeremies, Fritz Roy mit Thea Paul (heute Thea Stäbler) und Walter Hempel.

Quellen: Ortschronik Cunewalde, Czorneboh-Bieleboh-Zeitung, Mathias Pech, Torsten Hohlfeld